Ruth WEISS: Meine Schwester Sara

(Deutschsprachiges Hörbuch - Ungekürzte Lesung)
Sprecher: Dietmar Schönherr
Musik: Kolsimcha
Regie: Tobias Meinen
Produktion: GUGIS HörBücher Christina Walz, Neidlingen, 2008
Neidlingen, GUGIS HörBücher, 09/2008
ISBN 978-3-939461-22-7
8 CDs in einer schönen Sonderverpackung
78 Tracks, ca. 600 Minuten, 38,90 Euro [D]

AUTORENPORTRAIT

HÖRPROBE (.mp3 - 1,36 MB)

Originaltitel der literarischen Vorlage:
MEINE SCHWESTER SARA
Augsburg, Maro-Verlag, 2002
LIEFERBAR: WIEDERAUFLAGE
München, dtv (Reihe Hanser), 03/2004
ISBN 978-3-423-62169-4
320 Seiten, broschiert, 9,00 Euro [D]
 

Über den Sprecher:
Dietmar Schönherr wurde am 17. Mai 1926 in Innsbruck geboren. Gegen Ende seiner Schulzeit entdeckte man ihn für den Film, verfolgte diesen Weg aber zunächst nicht weiter.
Nach dem Krieg arbeitete er unter anderem bei einem Rundfunksender in Tirol und studierte Architektur – mit baldigem Abbruch. Bald landete er erneut vor der Kamera und blieb. Der Durchbruch kam 1955 mit »Rosenmontag«.
Es folgten zahlreiche Filme, u.a. spielte er in »Der längste Tag«. Das Fernsehen rief ihn bereits Anfang der Sechziger. Er arbeitete als Sänger und Entertainer. Als Synchronsprecher war Dietmar Schönherr die deutsche Stimme von James Dean in den Filmen »Jenseits von Eden«, »...denn sie wissen nicht, was sie tun« und in »Giganten«. Daneben sprach er u. a. Sidney Poitier sowie Audie Murphy in »Denen man nicht vergibt« und Steve McQueen in »Thomas Crown ist nicht zu fassen«.
An seine Kommandantenrolle in der Kult Serie »Raumpatrouille Orion« erinnert er sich gern. 1991 sagte er über die Serie: »Ich war überzeugt, dass es alle Krimis schlagen würde – dass es ein Straßenfeger wird. Das war es dann ja auch. Wir haben es sehr ernst genommen Wenn man es heute sieht, wirkt es ja absolut ironisch... alles!«. Zwei Tage nach Drehschluss der »Raumpatrouille« heiratete er in zweiter Ehe Vivi Bach, die in der Folge »Kampf um die Sonne« kurz zu sehen ist. Mit ihr zusammen moderierte er 1969-71 die Show »Wünsch dir was«, die einiges Aufsehen erregte. Dann folgte die Talk-Show »Je später der Abend«. Nachdem er Ronald Reagan als A....l... tituliert hatte, verschwand er von den TV-Schirmen.
Daneben spielte er in zahlreichen Theaterproduktionen, beispielsweise am Theater der Josefstadt in Wien, am Renaissance-Theater in Berlin und 15 Jahre lang am Schauspielhaus Zürich.
Für die Blockade von Mutlangen im Rahmen der Friedensbewegung wurde er ebenso wie z.B. Böll oder Grass zu einer Geldstrafe verurteilt.
In letzter Zeit kehrte er wieder auf die Fernsehschirme zurück, nachdem er sich zwischenzeitlich (ab 1985) stark für die Entwicklungshilfe in Nicaragua engagierte und das noch tut. Er baute dort u.a. ein ganzes Dorf und eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Das »Haus der Drei Welten«, mit einer Kunst und Musikschule ist sein Lieblingsprojekt.
Mittlerweile lebt er etwas zurückgezogener und hat einige Bücher, TV-Skripts und Theaterstücke verfasst – und die Hörbuchfassungen seiner Bücher selbstverständlich selbst eingelesen. Sein 1985 erschienenes Reisebuch NICARAGUA MI AMOR war überaus erfolgreich und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Er selbst sieht sich als »Träumer, der die Welt verbessern will«. Darüber hinaus übersetzte er einige Werke von André Gide und Jean-Paul Sartre aus dem Französischen.
Sein Großvater hatte sich den Adelstitel »Edler von Schönleiten« verdient. Schönherr hat auf den Titel nie Wert gelegt und ihn nie getragen, »aus dem einfachen Grund, da diese Titel in Österreich 1918 abgeschafft wurden«. 1972 und 1999 wurde Dietmar Schönherr mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet, 1999 erhielt er den Heinz-Galinski-Preis. Von 1978 bis 1990 wohnte er zusammen mit seiner Frau im schweizerischen Städtchen Kaiserstuhl (Aargau), heute leben sie auf Ibiza in der Nähe der Ortschaft Santa Agnes.
 

Wie ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist? Wie werden intelligente Menschen zu Rassen hassenden Monstern? Wie kann ein Staat sich zu einem menschenverachtenden Unstaat entwickeln? Sie werden sicher zunächst an den Nationalsozialismus im III. Reich denken. Aber wie wir alle wissen, lernen wir aus der Geschichte nichts und auch nach dem II. Weltkrieg gab und gibt es Staaten, die durch solch ein Regime geführt wurden und werden.
Die vorliegende Geschichte beschreibt den Lebens und Leidensweg eines Waisenkindes, das nach Ende des II. Weltkriegs als Vierjährige aus Deutschland nach Südafrika gelangt. Ein »bestelltes« blondes, blauäugiges, deutsches Mädchen für eine politisch einseitig gebildete Burenfamilie im Transvaal.
Die Buren waren nach ihrem Befreiungskampf gegen die Engländer gedanklich auf der Seite der deutschen Nationalsozialisten, empfanden den Untergang der Naziherrschaft als Schmach und wollten darum den gleich gesinnten Deutschen auf ihre Art helfen. So wurden unter anderem Waisenkinder nach Südafrika geholt. Für die Burenfamilie, zumindest für das Familienoberhaupt, in dieser Geschichte war es deshalb ein Schlag ins Gesicht, als sich nach einiger Zeit herausstellt, dass das Waisenkind Sara nicht arischer sondern jüdischer Herkunft ist und in einem KZ geboren wurde. Für den national denkenden Adoptivvater wird damit ein weiterer Kontakt mit dem Mädchen undenkbar, auch wegen seiner Stellung in der NP, der südafrikanischen Burenpartei. Die NP führte zu dieser Zeit das Nazi-Gedankegut weiter, nur dass für sie die einheimischen Schwarzen die »Untermenschen« bildeten, die man auch entsprechend behandeln konnte.
Saras Leben wäre zu einer einzigen Hölle geworden, hätten nicht ihre Adoptivmutter und der älteste Sohn der Familie zu ihr gehalten. So kann sie in diesem Apartheidstaat Südafrika doch einen Schulabschluss machen und ein Jurastudium abschließen, auch wenn das für sie mit großen Rückschlägen verbunden ist. Doch gerade diese Rückschläge lassen sie stark werden. So schließt sie sich der Untergrundorganisation ANC unter Nelson Mandela an und gerät dadurch in den Fokus der Geheimpolizei. Diese verfolgt sie und ihre Mitstreiter gnadenlos.
Nicht dass jetzt jemand denkt: Ach ja, ein neuer Krimi mit politischem Background. Das ist dieses Buch sicher nicht!
Wir nehmen Teil an der Lebensgeschichte eines kleinen unschuldigen Mädchens und ihrer Entwicklung bis hin zur engagierten Apartheidgegnerin. Wir erleben quasi hautnah mit, wie ein nationalistischer Staat der Neuzeit menschenverachtend agieren konnte, nur weil sich in den Köpfen der herrschenden weißen Rasse ein Bazillus eingenistet hatte, der diese Menschen in Herren- und Untermenschen aufteilen ließ.
Erzählt wird dieser Lebensweg aus der Sicht des älteren, südafrikanischen Bruders Saras, der – an seinem eigenen Lebensende stehend – die Familiengeschichte noch einmal Revue passieren und uns so auch am Leben Saras teilnehmen lässt.
Dietmar Schönherr ist in dieser ungekürzten Lesung die Idealbesetzung. Als politisch hoch engagierter Kämpfer für unterdrückte Gesellschaftsgruppen hat er das notwendige Gespür für diesen Stoff und bringt die »Rückbesinnung« des Bruders somit für uns äußerst glaubhaft rüber.
Das Hörbuch stellt für mich eine der besten Produktionen der letzten Zeit dar. Ich hoffe, es wird auch in den entsprechenden Gremien, die sich um die Vergabe von Preisen bemühen, entsprechenden Widerhall finden.
Ich kann es nur jedem empfehlen!

--Matthias Werner (09/2008)