Chiew-Siah TEI: Der Pavillon der springenden Fische

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
(Little Hut of Leaping Fishes. Sidney, Picador, 2008)
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
München, Droemer, 03/2009
ISBN 978-3-426-19823-0
411 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 19,95 [D]


AUTORENPORTRAIT
 

Die 61. Frankfurter Buchmesse, die vom 14. bis 18. Oktober 2009 stattfinden wird, wirft ihren langen Schatten voraus. Denn der diesjährige Ehrengast ist China, der unter dem Motto »Tradition und Innovation« auf der Messe ein vielfältiges Programm rund um die chinesische Kultur und Literatur präsentieren wird.
Wie viele deutsche Verlage, bemüht sich auch Droemer, die Leser bereits mit Titeln aus dem Frühjahrsprogramm auf das kommende Großereignis einzustimmen.

Der Debütroman der, als Tochter chinesischer Einwanderer in Malaysia geborenen, Autorin Chiew-Siah Tei führt seine Leser in die Vergangenheit, in das kaiserliche China des Jahres 1875: Mandarin soll er werden, als Beamter über Wohl und Wehe seiner Mitmenschen entscheiden, dabei viel Geld eintreiben und seiner Familie zu noch mehr Ansehen verhelfen – so sieht die Zukunft des jungen Mingzhi aus.
Zumindest wenn es nach seinem Großvater ginge, der Ende des 19. Jahrhunderts in China zwar ein großes Stück Land besitzt, jedoch dem Schalten und Walten des kaiserlichen Distriktsbeamten ausgeliefert ist.
Doch Mingzhi selbst sieht das ganz anders. Für ihn sind die Bücher, die er liest, der Schlüssel zu einer ganzen Welt, und die engen Familienbande empfindet er zunehmend als Belastung.
Wie gut, dass er eine Zuflucht hat, in der ihn niemand stört: den kleinen Pavillon der springenden Fische.
Hier kann er sich Gedanken machen über die Zukunft des Landes, über seine geheime Freundschaft mit einer Langnase aus dem Westen – und über die junge Frau mit den großen Augen, von der er gerne mehr wüsste als nur den Namen …

Chiew-Siah Tei, deren Liebe zu ihren Wurzeln aus jeder Zeile ihres Erstlings spricht, schildert – aus der Sicht eines auktorialen Erzählers – ihren Protagonisten Mingzhi als Vertreter einer neuen Generation, einer Generation des Aufbruchs, der Abkehr von der seit der Aufgabe der Seeschifffahrt im Jahre 1438 anhaltenden vollkommenen Abschottung Chinas vom Fernhandel mit den westeuropäischen Mächten.
Das Jahr 1875 ist ein Schlüsseljahr in Chinas Geschichte. In diesem Jahr erlaubte die chinesische Qing-Dynastie, Korea als unabhängigen Staat anzuerkennen. Die Bevölkerung in Korea war geteilt in Konservative, die enge Beziehungen zu China wollten, und in Reformisten, die Korea modernisieren und engere Beziehungen zu Japan wollten. Wegen der Streitigkeiten um den politischen Status Koreas sollte es 1894 zum Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg kommen.
1875 stirbt der erst 19jährige chinesische Kaiser Caichun (Regierungsdevise: Tongzhi »Umfassende Regierung«). Von 1861 bis 1872 hatte seine Mutter, die Kaiserin-Witwe Cíxī die Regentschaft für ihn geführt, und nun, da kein der Tradition des Kaiserhauses entsprechender männlicher Nachfolger vorhanden ist, entscheidet sie sich für ein Kind ihrer Schwester, das als Thronfolger unter der Regierungsdevise Guangxu (»Brilliante Nachfolge«) sein Amt antritt. Während der Minderjährigkeit des neuen Kaisers übernimmt Cíxī die Staatsführung für ihren Neffen und regiert von 1875 bis 1889.
1898 sollte sie erneut die Regierungsgeschäfte übernehmen, nachdem sie Guangxu unter einem Vorwand inhaftieren ließ, und diese bis zu ihrem Tode am 15. November 1908 innehaben. Sie regierte damit länger als jede andere Kaiserin und länger als die meisten Kaiser der chinesischen Geschichte – doch dies nur nebenbei bemerkt.
Chiew-Siah Tei erzählt vor diesem historischen Hintergrund in Form eines klassischen Entwicklungsromans von Mingzhis Erwachsenwerden, von seinen Bemühungen, den Erwartungen seiner Familie gerecht zu werden, von jugendlichen Verfehlungen und einer ersten Abkehr von traditionellem Verhalten. Sie schildert seine Jugendfreundschaften, seine erste Verliebtheit, seinen Einzug in die Welt der Erwachsenen, der mit neuen und sehr ernüchternden Erkenntnissen einher geht, und seine Entscheidung für ein grundsätzlich anderes, völlig neues Leben. Mingzhi ist ein lebensechter, sympathischer Charakter – wie übrigens alle Figuren in diesem Roman sehr detailliert und glaubhaft gezeichnet sind.
Der Stil der für ihre Lyrik mehrfach ausgezeichneten Autorin verbindet auf originäre Weise eine oftmals sehr poetische Sprache mit nüchterner Prosa – ein Element, das die schicksalhaften Wendungen der Handlung zusätzlich unterstreicht.
DER PAVILLON DER SPRINGENDEN FISCHE bietet spannende, ganz beiläufig auch lehrreiche Unterhaltung. Das Buch ist wunderbar zu lesen – und nur schwer wieder zu vergessen.
Wenn DER PAVILLON DER SPRINGENDEN FISCHE symptomatisch ist, für die Literatur, die uns unter dem Schlagwort »Tradition« auf der Buchmesse begegnen wird, steht uns ein »heißer Herbst« bevor. Rüsten wir uns schon mal für einen Lesemarathon!

--Griseldis Malkowsky-Bren (04/2009)