Markus STROMIEDEL: Zwillingsspiel

ORIGINALAUSGABE
München, Knaur Tb., 06/2008
ISBN 978-3-426-63446-2
428 Seiten, broschiert, Euro 7,95 [D]


AUTORENPORTRAIT

LESEPROBE (.pdf - 72,8 kb)
 

Deutsche Polit-Thriller hatten es über viele Jahre hinweg beim Publikum schwer. Doch in der letzten Zeit ist für das Genre ein deutlicher Aufwärtstrend zu verzeichnen – nicht zuletzt wegen der wesentlich höheren Qualität der Neuerscheinungen.
ZWILLINGSSPIEL, das Romandebüt des Journalisten und erfolgreichen Drehbuchautors Markus Stromiedel, ist ein hervorragendes Beispiel für diese neue Qualität.
Schauplatz des fesselnden Romans ist Berlin. Die deutsche Hauptstadt steht unter Schock, als auf dem S-Bahnhof Savignyplatz eine Bombe explodiert und sieben Menschen, darunter die Tochter eines prominenten Regierungsberaters, in den Tod reißt. Mit den Ermittlungen wird Kommissar Paul Selig beauftragt, der alles andere als ein Erfolgsmensch ist. Im Gegensatz zu seiner Schwester Lisa, die von Kindesbeinen keine Gelegenheit ausgelassen hat, ihren Bruder zum Verlierer zu stempeln. Gerade deshalb ist Selig wild entschlossen, den Fall zu lösen. Bei seinen Ermittlungen stößt er auf zahlreiche Ungereimtheiten. Je näher er der Wahrheit kommt, desto größer wird auch die Gefahr für ihn, denn die Wahrheit darf auf keinen Fall ans Licht kommen...
ZWILLINGSSPIEL wird vom Verlag mit großem Aufwand im Buchhandel beworben. Der Roman hat diesen Aufwand verdient – nötig hat er ihn nicht.
Denn ZWILLINGSSPIEL ist ein außergewöhnliches und zudem ein ungewöhnlich gutes Buch. Der unerhört spannende und handwerklich exzellent gemachte deutsche Polit-Thriller überzeugt durch seinen geradlinigen Aufbau und seine glänzende, klare Sprache. Stromiedel vermag, was nicht viele deutsche Autoren (und leider auch nur wenige Übersetzer ausländischer Schriftsteller) können: Dialoge zu verfassen, die »direkt ins Ohr gehen«, die einen vergessen lassen, dass man liest.
Stromiedel verfolgt sehr selbstbewusst und mit traumwandlerischer Sicherheit ein glasklares, intelligentes Konzept. Seine Handlungsführung ist präzise, jedes Element wirkt gut durchdacht, keines lehnt sich an mehr oder minder erfolgreiche US-Bestseller an.
Am meisten hat mich sein Protagonist, der trotz seiner Schwächen äußerst sympathisch wirkende Polizist Paul Selig, überzeugt – obgleich ich mir recht sicher bin, dass gerade dieser Charakter die Leserschaft polarisieren wird. Selig, scheu bis zur Verhaltensgestörtheit, kämpft ebenso sehr gegen seine eigenen Manien, wie gegen Widerstände von außen. Er ist kein Held, nicht einmal ein gutes Vorbild. Letztlich ist es gerade sein beinahe autistisches Verhalten, das ihn gegen Manipulationen wappnet und den Fall wider alle Erwartungen lösen lässt. Eine Verliererfigur in den Mittelpunkt einer perfiden und blutigen Intrige zu stellen, ist keineswegs eine brandneue Idee. Aber die Figur des Paul Selig ist einer der interessantesten Charaktere seit langem – und letztlich doch ein Sympathieträger, von dem man gerne mehr erfahren möchte.
ZWILLINGSSPIEL ist nicht nur ein packender, sehr realistisch wirkender Politthriller, sondern auch die dramatische und hoch emotionale Geschichte ungleicher Geschwister. Sowohl auf der politischen wie auf der privaten Ebene enthüllen sich nach und nach die mörderischen Strukturen der Macht und des Wettbewerbs.
ZWILLINGSSPIEL ist, wie ein guter Thriller sein sollte: schlank, packend, reißerisch, erschreckend. Und er ist, wie nur wenige, sehr gute Thriller sind: nur schwer zu vergessen.
Eine der besten Neuerscheinungen in diesem Jahr – unbedingt lesen!

--Axel Hallsteiner (07/2008)