Tausende Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Sie sich
befinden, in einem Land, in einer Stadt, in einer
von vielen Buchhandlungen schlug ein Buchhändler
die Augen auf.
Er hatte das
Dingelingdingeling der Eingangstür seiner
Buchhandlung gehört.
Er rückte ein paar
Sachen auf seinem Schreibtisch zurecht und
wartete. Der Schreibtisch des Buchhändlers war
hinter zwei über Eck gestellten Regalen verborgen.
Er war der Überzeugung, dass die Kunden, die eine
Buchhandlung betraten, vor allem Bücher sehen
wollten.
Die meisten suchten ja nicht
unbedingt einen Buchhändler.
Dem
Buchhändler gefiel die Vorstellung, dass die
Kunden einem Ozean oder genauer gesagt einer Flut
von Büchern allein gegenüberstanden, ohne dass
jemand sie beobachtete.
Ihm gefiel die
Vorstellung, dass die Bücher ohne ihn existierten.
Er fragte sich, ob ihm nicht sogar die Vorstellung
gefiel, nicht zu existieren. Der Buchhändler war
ehrlich gesagt ein melancholischer Mensch, aber er
fand sich damit ab. Er wusste nämlich nicht so
recht, wie er inmitten all dieser Bücher, all
dieser Geschichten, all dieser Gedanken, all
dieser Lebensläufe innerlich stark bleiben konnte.
In seinen schlimmsten Momenten beneidete er die
Autoverkäufer.
Doch nicht im Ernst. Denn
der Buchhändler beneidete weniger die Autoren,
sondern vor allem die Figuren in den Büchern, die
er las. Und er hatte nie ein Buch gelesen, in dem
der Held ein Autoverkäufer war.
Und wenn,
war es nur für kurze Zeit gewesen. Und dabei hatte
der Buchhändler, sagte sich der Buchhändler,
bereits weiß Gott wie viele Bücher gelesen. Und
nur Gott wusste, dass der Buchhändler auch nicht
unbedingt viele Bücher gelesen hatte, deren Helden
Buchhändler waren.
›Aber‹, sagte sich der
Buchhändler, um sein kurzes Geplänkel mit Gott zu
beenden, ›das lag zumindest etwas näher.‹
Er hörte die Schritte eines
Neuankömmlings. ›Ein Mann‹, dachte er, so, wie die
Schuhe quietschten. Die Schritte näherten sich. An
ihrer Bestimmtheit, an ihrer Entschlossenheit
erkannte der Buchhändler, dass es kein Neukunde
war. Dass der Mann zielsicher geradewegs auf
seinen Schreibtisch zusteuerte. Spontan verspürte
der Buchhändler das Verlangen, sich darunter zu
verstecken. Doch er rief sich zur Ordnung und
blieb mutig in seinem Sessel sitzen.
Der
Mann stand jetzt vor ihm. Er brachte ein Buch über
Delfine zurück, mit dem er nicht zufrieden war.
»Ich bin mit diesem Buch über Delfine
nicht zufrieden«, sagte der Mann.
Er trug
einen eleganten Anzug.
»Es ist schlecht«,
fügte er hinzu.
Der Buchhändler blickte
ihm in die Augen. Und er fand sie schön.
»Entschuldigung«, fuhr der Mann fort. »Ich
habe mich falsch ausgedrückt. Es ist weniger das
Buch, mit dem ich nicht zufrieden bin, als
vielmehr mit den Delfinen. Ehrlich gesagt gehen
mir die Delfine auf die Nerven. Man hatte mir
darüber … Jemand hatte mir zwar Wunderdinge über
sie erzählt …«
Der Blick des Mannes
wanderte zu den Filmplakaten, die hinter dem
Schreibtisch des Buchhändlers hingen.
»Eine junge Frau … Also eine Frau meines
Alters … Nun, auf Wiedersehen, mein Herr.«
»Wollen Sie nicht, dass ich Ihnen Ihr Geld
zurückgebe … Ihnen eine Gutschrift ausstelle?«
»Nein danke, sehr liebenswürdig von Ihnen.
Aber das Buch ist nicht schuld daran, und ich
stehe zu meinem Kauf … Ich glaube sogar nicht,
wenn man es genau bedenkt, dass man ein besseres
Buch über Delfine schreiben kann … Nein, das ist
zweifellos ein hervorragendes Buch. Aber ich will
es nicht zu Hause haben, und vor allem will ich
nicht, dass es – verstehen Sie – ihr in die Hände
fällt …«
Der Blick des Mannes verlor sich
in der Ferne.
Dann riss er sich zusammen
und sagte:
»Also auf Wiedersehen, mein
Herr, und einen schönen Tag!«
»Schönen
Tag«, erwiderte der Buchhändler.
Er
wartete, bis das Dingelingdingeling der
Eingangstür seiner Buchhandlung erklang, dann
begann er zu grübeln. Er kannte keine Frau, die
Delfine mochte. Der Buchhändler verlor sich in
seinen Grübeleien. Er hatte eine ganze Menge
Frauen gekannt. Zu der Zeit, als er noch Freunde
hatte, gingen einige sogar so weit, seine
Buchhandlung als eine regelrechte »Frauenfalle« zu
betrachten.
Das blieb jedoch ihnen selbst,
dem Buchhändler und all den Frauen, unbegreiflich.
Es gab schließlich nur Regale und Bücher,
keine roten Samtvorhänge, keinen Champagner und
auch keine Kekse. Einfach nur Bücher.
Schwierig zu erkennen, wo die Falle war.
© Droemer, München, August 2005