Leseprobe -
Régis de SÁ MOREIRA: Das geheime Leben der Bücher

Tausende Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Sie sich befinden, in einem Land, in einer Stadt, in einer von vielen Buchhandlungen schlug ein Buchhändler die Augen auf.

Er hatte das Dingelingdingeling der Eingangstür seiner Buchhandlung gehört.

Er rückte ein paar Sachen auf seinem Schreibtisch zurecht und wartete. Der Schreibtisch des Buchhändlers war hinter zwei über Eck gestellten Regalen verborgen. Er war der Überzeugung, dass die Kunden, die eine Buchhandlung betraten, vor allem Bücher sehen wollten.

Die meisten suchten ja nicht unbedingt einen Buchhändler.



Dem Buchhändler gefiel die Vorstellung, dass die Kunden einem Ozean oder genauer gesagt einer Flut von Büchern allein gegenüberstanden, ohne dass jemand sie beobachtete.

Ihm gefiel die Vorstellung, dass die Bücher ohne ihn existierten. Er fragte sich, ob ihm nicht sogar die Vorstellung gefiel, nicht zu existieren. Der Buchhändler war ehrlich gesagt ein melancholischer Mensch, aber er fand sich damit ab. Er wusste nämlich nicht so recht, wie er inmitten all dieser Bücher, all dieser Geschichten, all dieser Gedanken, all dieser Lebensläufe innerlich stark bleiben konnte. In seinen schlimmsten Momenten beneidete er die Autoverkäufer.

Doch nicht im Ernst. Denn der Buchhändler beneidete weniger die Autoren, sondern vor allem die Figuren in den Büchern, die er las. Und er hatte nie ein Buch gelesen, in dem der Held ein Autoverkäufer war.

Und wenn, war es nur für kurze Zeit gewesen. Und dabei hatte der Buchhändler, sagte sich der Buchhändler, bereits weiß Gott wie viele Bücher gelesen. Und nur Gott wusste, dass der Buchhändler auch nicht unbedingt viele Bücher gelesen hatte, deren Helden Buchhändler waren.

›Aber‹, sagte sich der Buchhändler, um sein kurzes Geplänkel mit Gott zu beenden, ›das lag zumindest etwas näher.‹

Er hörte die Schritte eines Neuankömmlings. ›Ein Mann‹, dachte er, so, wie die Schuhe quietschten. Die Schritte näherten sich. An ihrer Bestimmtheit, an ihrer Entschlossenheit erkannte der Buchhändler, dass es kein Neukunde war. Dass der Mann zielsicher geradewegs auf seinen Schreibtisch zusteuerte. Spontan verspürte der Buchhändler das Verlangen, sich darunter zu verstecken. Doch er rief sich zur Ordnung und blieb mutig in seinem Sessel sitzen.

Der Mann stand jetzt vor ihm. Er brachte ein Buch über Delfine zurück, mit dem er nicht zufrieden war.

»Ich bin mit diesem Buch über Delfine nicht zufrieden«, sagte der Mann.

Er trug einen eleganten Anzug.

»Es ist schlecht«, fügte er hinzu.

Der Buchhändler blickte ihm in die Augen. Und er fand sie schön.

»Entschuldigung«, fuhr der Mann fort. »Ich habe mich falsch ausgedrückt. Es ist weniger das Buch, mit dem ich nicht zufrieden bin, als vielmehr mit den Delfinen. Ehrlich gesagt gehen mir die Delfine auf die Nerven. Man hatte mir darüber … Jemand hatte mir zwar Wunderdinge über sie erzählt …«

Der Blick des Mannes wanderte zu den Filmplakaten, die hinter dem Schreibtisch des Buchhändlers hingen.

»Eine junge Frau … Also eine Frau meines Alters … Nun, auf Wiedersehen, mein Herr.«

»Wollen Sie nicht, dass ich Ihnen Ihr Geld zurückgebe … Ihnen eine Gutschrift ausstelle?«

»Nein danke, sehr liebenswürdig von Ihnen. Aber das Buch ist nicht schuld daran, und ich stehe zu meinem Kauf … Ich glaube sogar nicht, wenn man es genau bedenkt, dass man ein besseres Buch über Delfine schreiben kann … Nein, das ist zweifellos ein hervorragendes Buch. Aber ich will es nicht zu Hause haben, und vor allem will ich nicht, dass es – verstehen Sie – ihr in die Hände fällt …«

Der Blick des Mannes verlor sich in der Ferne.

Dann riss er sich zusammen und sagte:

»Also auf Wiedersehen, mein Herr, und einen schönen Tag!«

»Schönen Tag«, erwiderte der Buchhändler.

Er wartete, bis das Dingelingdingeling der Eingangstür seiner Buchhandlung erklang, dann begann er zu grübeln. Er kannte keine Frau, die Delfine mochte. Der Buchhändler verlor sich in seinen Grübeleien. Er hatte eine ganze Menge Frauen gekannt. Zu der Zeit, als er noch Freunde hatte, gingen einige sogar so weit, seine Buchhandlung als eine regelrechte »Frauenfalle« zu betrachten.

Das blieb jedoch ihnen selbst, dem Buchhändler und all den Frauen, unbegreiflich.

Es gab schließlich nur Regale und Bücher, keine roten Samtvorhänge, keinen Champagner und auch keine Kekse. Einfach nur Bücher.

Schwierig zu erkennen, wo die Falle war.

© Droemer, München, August 2005