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Ich liebe es, über die Frankfurter Buchmesse zu schlendern. Denn zu dem, was für mich den besonderen Reiz der Messe ausmacht, kommt es nicht bei den verabredeten Terminen an den Ständen der Aussteller, sondern nur bei zufälligen Begegnungen. So war es auch diesmal. Während ich mich eben mit einer Kollegin unterhielt, sah ich aus dem Augenwinkel eine in jedem Sinne des Wortes »prominente« Nase und darüber einen leuchtenden Schopf feuerahornroter Haare – für mich als Rossmann-Fan zwei zur Identifizierung absolut ausreichende Merkmale.
Der halblaute Hinweis an meine Kollegin ließ die Schriftstellerin innehalten, etwas erstaunt darüber, erkannt worden zu sein. Es entwickelte sich ein kurzes aber wirklich reizendes Gespräch – und ein paar Tage später lag, wie versprochen, ein Rezensionsexemplar ihres jüngsten Romans auf meinem Schreibtisch. Das hätte ich zwar ohnehin vom Verlag bekommen, aber ich schätze die Geste.
Als leidenschaftliche (und, wie meine Gäste behaupten, auch sehr gute) Köchin bin ich ein erklärter Fan der Mira-Valensky-Krimis, die ich übrigens nicht nur wegen der exzellenten Rezepte sehr gut finde. Weil ich mich als nicht ganz unvoreingenommen erachte, habe ich es bisher immer meinen Kollegen überlassen, Ihnen diese Romane zu empfehlen.
MILLIONENKOCHEN, den nunmehr neunten »Fall« der Journalistin und Hobbyköchin Mira Valensky, habe ich jedoch zur »Chefsache« erklärt.
Diesmal stolpert Mira im Zuge ihrer Lifestyle-Recherchen für das »Magazin« nicht über eine Leiche, sondern findet zunächst einmal den »Fast-Selbstmörder« Klaus Liebig. Auf dem Weg zur Fête Blanche der Win-Sat-Studios liest sie den in der letzten Runde ausgeschiedenen »Millionen-Kochen«-Kandidaten neben einem eingleisigen Bahnübergang auf. Durch Liebig wird Miras Neugier geweckt und ein wenig vom eigentlichen Thema ihrer Recherchen – der Dank eines umtriebigen Bürgermeisters erfolgreichen Ansiedlung des internationalen Privatsenders Win-Sat im Weinviertel – abgelenkt. Nun stehen die Show und deren Kandidaten im Mittelpunkt ihres Interesses. Wer träumt nicht davon, reich und berühmt zu sein? »MillionenKochen« soll es möglich machen. Wer gut kocht, bei den Zuschauern punktet und auch noch die Antwort auf ein paar knifflige Fragen weiß, kann mehr als drei Millionen Euro gewinnen! Aber klingt das nicht alles viel zu gut, um wahr zu sein?
Nur wenig später gibt es wirklich eine Leiche – eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen der Show wurde ermordet. Kann es sein, dass die Moderatorin, eine Operndiva mit Stimmband-problemen, die angeblich selbst gar nicht kochen kann, dahinter steckt?
Oder geht ein arbeitsloser Exmanager bei seiner allerletzten Chance über Leichen?
Oder: Muss der Gewinnspiel-Sender Win-Sat mit allen Mitteln verhindern, dass da so einiges über die erfolgreiche Show ans Tageslicht kommt?
Es gibt viele Verdächtige und je weiter Miras Ermittlungen gedeihen, desto mehr Unerfreuliches tritt über jeden einzelnen zutage.
Mira hetzt von einem Schauplatz zum nächsten. Gäbe es nicht auch ihr Privat- und mittlerweile Eheleben mit Wirtschaftsanwalt Oskar und ihre olivensüchtige Katze Gismo, Mira würde sich in dem Verwirrspiel zwischen Show und Realität, das auch schon tiefgreifende Veränderungen in der »Magazin«-Redaktion zur Folge hatte, glattweg aufreiben.
Und ihre Freundin Vesna ist ihr diesmal keine große Hilfe. Mit ihrem neuen »Doppel-Unternehmen« – offiziell eine Reinigungsfirma, inoffiziell eine Detektei – ohnehin über Gebühr beansprucht, muss sie den Eskapaden ihrer Tochter Jana, die sich mit einer Gruppe junger Studentinnen zu illegalen Aktionen gegen den Chauvinismus muslimischer Männer hinreißen lässt, einen Riegel vorschieben. Als wäre das nicht schon mehr als genug, verliert Vesna ihren Job und ihre häuslichen Pflichten völlig aus den Augen, als sie sich bei ihren Undercover-Ermittlungen Hals über Kopf in Valentin Freytag, den kunstsinnigen Produzenten und Miteigen-tümer der Win-Sat-Studios, verliebt ...
MILLIONENKOCHEN hat alles, was ein erstklassiger Kriminalroman haben muss: einfühlsame Personenschilderungen, Lokalflair – in diesem Fall mehr oder weniger versteckte Komplimente an die Stadt Wien und ihre Umgebung –, Schnappschüsse von High-Society-Veranstaltungen, die humorig geschildert ein Gegengewicht zum dramatischen Teil bieten, und nicht zuletzt eine kräftige Dosis Suspense.
Andy Warhols Statement von 1968 »In the future everybody will be world famous for 15 minutes« bildet in diesem Roman das zentrale Thema des psychologischen Hintergrunds. Wiederkehrend zitiert, rückt diese Pop-art-Vision ein wesentliches Problem unserer Konsumgesellschaft in den Fokus. Eva Rossmann bringt es auf den Punkt, als sie Mira Valensky im Laufe ihrer Recherchen eine Psychologin interviewen und diese Passage des Gesprächs in ihren Artikel aufnehmen lässt: »Eigentlich wäre das wunderbar demokratisch. Wenn dabei jeder so sein könnte, wie er will. Nur: Es sind Fernsehsender, die vorgeben, wie jemand zu sein hat, um auch nur für ganz kurze Zeit berühmt zu werden. Die Zahl der Menschen, die bereit sind, dafür alles zu tun, steigt. Und das erschreckt mich.« (Seite 193)
Mich erschreckt das, um ganz offen zu sein, auch. Und natürlich steht »MillionenKochen« nur beispielhaft für alle Fernsehshows, in denen sich Kandidaten dem Risiko einer fürchterlichen Blamage aussetzen. Wie jeder Mira-Valensky-Krimi ist auch dieser ein Roman, der sich intensiv mit einem gesellschaftspolitischen Phänomen auseinandersetzt. Wer ihn gelesen hat, wird die schon seit geraumer Zeit auch in Deutschland so beliebten Game-Shows vielleicht mit anderen Augen und nüchternerem Blick sehen.
Ich kann jedem, der glaubt, sich diese Shows unbedingt anschauen zu müssen, oder der gar mit dem Gedanken spielt, sich dafür zu bewerben, nur raten: Lassen Sie den Fernseher einmal ausgeschaltet und lesen Sie statt dessen MILLIONENKOCHEN. Sie werden weitaus besser und intelligenter unterhalten!
Krimi-Fans muss man dieses Buch nicht explizit empfehlen – für sie ist es ohnehin ein MUSS.
--Maran Alsdorf (12/2007)
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