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DEUTSCHE ERSTAUSGABE
(Alla cieca. 2005)
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
München, Carl Hanser, 09/2007
ISBN 978-3-446-20825-4
416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 24,90 [D]

AUTORENPORTRAIT
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Selten hat mich ein Roman so begeistert wie BLINDLINGS – und nur selten habe ich mich von einem Roman so erschlagen gefühlt, wie von diesem. Mit seiner Fülle von Anspielungen aus Mythologie, Literatur- und Menschheitsgeschichte erschien mir BLINDLINGS zunächst das etwas verstiegene, eigensinnige Opus eines detailversessenen Literaturwissenschaftlers, der mich mit einer Überfülle an geballtem Wissen so überfahren hatte, dass es mir unter der Wucht des Textes doch das eine oder andere Mal den Atem verschlug. Ich musste das Buch tatsächlich ein zweites Mal lesen, um mir ein sicheres Urteil bilden zu können – und um festzustellen, dass ich kein einziges Wort des Textes missen möchte! Magris ist weder Utopist noch Nostalgiker, vielmehr ein scharfer Beobachter und analytischer Geist, dem neben einem glasklaren Geschichts-bewusstsein die Gabe des Erzählens verliehen wurde.
Im Mittelpunkt seines Romans steht Salvatore Cippico, ein Mann mit ungesicherter Identität und gespaltenem Bewusstsein. Er, Sohn eines italienischen Australien-Emigranten und einer tasmanischen Mutter, monologisiert vor seinem Arzt, dem Chef einer psychiatrischen Klinik an den Stadträndern von Triest. Er legt Rechenschaft ab über sein Leben. Er gibt seine ausschweifende Geschichte mit den ausgefransten Rändern, den übersteigerten Phantasien, den aufgeblähten Abenteuern zu Protokoll. Er spricht von den ungeordneten Dingen im Innern jedes Menschen, vom leeren, dunklen Raum, der in seinem Kopf sei, und von den weißen Fäden, die ihn wie Sternschnuppen am nächtlichen Himmel durchziehen. Er will ein für alle Male herausfinden, wer er ist und was er will.
Cippicos Lebensgeschichte ist ein Spiegel Europäischer Geschichte. Salvatore hat den politischen Kampf in Australien mitgemacht und den spanischen Bürgerkrieg erlitten, er hat Dachau überlebt und die Todesinsel Goli Otok, auf der Tito auch italienische Genossen inhaftierte. Zwischen seine konkreten Erinnerungen mischen sich Wahnvorstellungen, in denen er sich mit dem historisch verbürgten Abenteurer Jørgen Jørgensen verwechselt, der am königlichen Hof in Dänemark aufgewachsen ist, zum Dichter wurde, als Waljäger die Ozeane durchquerte, für ein paar Wochen zum selbsternannten König von Island avancierte und nach ungezügelten Erlebnissen wieder als Gefangener der britischen Krone in die Stadt deportiert wurde, die er einst selbst gegründet hatte: Hobart Town in Tasmanien.
Cippicos Identifikation Jørgensen ist rational nachvollziehbar. Obwohl in unterschiedlichen Jahrhunderten geboren, verbindet sie Tasmanien, beide haben für ihre Ideale gekämpft, beide sind Helden, die von den Ideologen ihrer Zeit betrogen wurden.
Als herausragende Akteure konturieren sie Magris’ Roman, wobei der Autor bis zum Schluss offen lässt, ob die beiden Figuren nicht unterschiedliche Aspekte eines einzigen Bewusstseins sind. Auf ihrer Reise durch Meere und unermessliche Kontinente werden beide immer wieder mit den Abgründen der menschlichen Existenz konfrontiert. Auf hoher See gilt Kadavergehorsam und das Recht des Stärkeren. Wer sich dem Spiel von Macht und Unterwerfung verweigert, wird als Sklave misshandelt. Maskuline Ideale von Gewalt und Herrschaft prägen das Weltbild auf See wie an Land, Erbarmen und Mitleid kennt man nicht.
Im Magris’ Roman wird das Meer Generalmetapher, die das Erzählgeflecht zusammenhält. Es treibt die beiden Protagonisten – wie süchtig – vom Südpazifik über die Adria bis zum Nordatlantik zu immer neuen Ufern. Das Wasser ist dabei zugleich zerstörerisches Element wie Urquell des Lebens. Es lockt als Inbegriff des Unbewussten und Geheimnisvollen, wird aber auch zum Symbol von Schiffbruch und Heimatlosigkeit.
Magris, der seine Bilderreihen mit mythologischen Bedeutungen unterlegt, hat seinen Erzähler der Zeitgeschichte abgewonnen. Aber die derzeit beliebtesten Formen seiner Vergegenwärtigung schlägt er aus: den Familienroman wie die Autobiographie.
Denn Cippico missachtet das Grundgesetz autobiographischen Erzählens, die langsame Annäherung des erinnerten an das gegenwärtige Ich. Und eine verlässliche Genealogie hat dieses nicht. Sein monströser Monolog nistet sich in das leere Ich der Grammatik ein, das die Sprache jedem anbietet, jedem aufdrängt, um sich mit der Welt ins Verhältnis zu setzen. Und ist das Ich einmal zerborsten wie hier, so kann es mehrere Biographien in sich aufnehmen. Der klinische Begriff dafür wäre wohl Schizophrenie. Der literarische Sinn ist: eine Form des Erzählens zu finden, die dem von der Geschichte zersplitterten Ich die Illusion seiner Einheit erspart. Und dem Leser die Illusion, mit diesem Ich auf die Irrtümer der Vergangenheit von oben herabblicken zu können.
Claudio Magris erzählt vom Untergang der Illusionen – in einer zwar anstrengenden, dabei aber auch unglaubliche Einsichten vermittelnden Weise. Mit traumhafter Sicherheit beschreibt er zweihundert Jahre Grausamkeit, kolonialistische Raffgier und politische Blindheit.
BLINDLINGS ist ein – in jedem Sinne des Wortes – reicher Abgesang auf das zwanzigste Jahrhundert. Es ist außerdem ein Roman von großer Schönheit, woran auch der Übersetzerin Ragni Maria Gschwend ein beachtlicher Anteil zukommt.
Kein einfacher Lesestoff, aber absolut faszinierend!
--Bernhardt D'Alemagne (11/2008)
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