|
»Johannes Schönbach war ziemlich dürr – aus seitlicher Perspektive noch mehr als von vorn – und wirkte, als mangele es ihm seit längerem an Schlaf, frischer Luft und ausgewogener Ernährung. Seine Gesichtsfarbe entsprach keineswegs nur dem, was man herkömmlicherweise als Blässe bezeichnet; dieser anorganische Beigeton erinnerte eher an die Beschichtung mancher Küchenmöbel. Man hätte ihn dennoch als gutaussehend bezeichnen können, insbesondere seiner ozeanischen Augen wegen, deren normalerweise intensives Türkis unter dem Belagerungsdruck enormer Augenringe momentan etwas ermattet wirkte. Sein Schädel war lang und großstirnig, das Haar schwarzbraun, Nase und Lippen stark ausgeprägt, nur bei der Kinnpartie hatte sich die Natur den Jux geleistet, sie eine Spur zu klein ausfallen zu lassen, sie widersprach gewissermaßen, freilich nur kleinlaut, der Stirn und boykottierte, wenn man sehr genau hinsah, die elliptische Ideallinie der Kopfform.«
So präsentiert uns Michael Klonovsky den Protagonisten seines Romans LAND DER WUNDER. Dieser Johannes Schönbach, Geistesmensch, Trinker und Bonsai-Casanova, schlängelt sich durch eine von Alkoholikern, Spaßvögeln, Bonzen und Polizisten bevölkerte Kloake namens DDR, um nach dem Novemberwunder 1989 in einem von Selbstdarstellern, Gesinnungshuren, Geldschefflern und Spaßhabern bevölkerten Kasino namens Bundesrepublik festzustellen, dass entweder die Welt falsch ist oder er.
Anfangs stehen seinem Glück vor allem die Staatsgrenze sowie die Tatsache im Wege, dass die Ostberliner Spitzenschönheit Katja Kommerell nur mit SED-Mitgliedern – jedenfalls nicht mit ihm – ins Bett steigt. Das würde der triebhafte Philologiestudent vielleicht noch ertragen haben, aber als man ihn zu einer Hilfsarbeiterexistenz in einem Schnapslager verdammt, schwindet ihm der ohnehin begrenzte Daseinssinn vollends.
Der lebensmüde Zwangs-Aussteiger konnte es sich naturgemäß nicht träumen lassen, dass er dermaleinst seine Ostberliner Hinterhofklause gegen ein Münchner Penthouse tauschen und es zum preisgekrönten Journalisten – zuletzt sogar noch zum Millionär – bringen würde. Zuletzt? Nein. Damit enden die Wunder im Leben des notorischen Katja-Kommerell-Wiederfinders nämlich noch lange nicht …
Wie Sie schon jetzt erahnen können, präsentiert Michael Klonovsky sich mit seinem Wenderoman selbst als begnadeter Unterhalter. LAND DER WUNDER ist eine schwarze Satire über die gesamtdeutsche »Misere« und der Autor ein Zauberer mit Worten und schrägen Einfällen. Sein Protagonist Schönbach ist ein »Uhlenspegel«, einer, der mit der Frei- und Frechheit eines Hofnarren anderen den Spiegel vorhält.
Er ist ein Schelm – im besten Sinne des traditionellen Schelmenromans – und ein Maßstab der gesamtdeutschen Entwicklung, wenn Klonovsky seine nahezu beispielhafte »Verwestlichung« aufzeigt.
Doch im LAND DER WUNDER finden die Leser auch eine ausgesprochen merkwürdige Liebesgeschichte, die in einem erotischen Ost-West-Systemvergleich gipfelt, und eine Parabel über die mehr als fragwürdige Glücksverheißung einer rein geistigen Existenz.
All dies ist satirisch, tief- und abgründig, ironisch heiter und wirklich äußerst unterhaltsam. Michael Klonovsky hat den vielleicht schönsten Roman über die Wende- und die Nachwendezeit geschrieben. Es bleibt eigentlich nur eine Frage offen: Warum ist LAND DER WUNDER eigentlich in einem schweizerischen Verlag erschienen?
Jenseits aller Spekulationen über die deutsche Verlagslandschaft, die eventuell zur Beantwortung dieser Frage beitragen könnten, bleibt nur, Kein & Aber von Herzen zu danken. Danke für dieses urdeutsche und so undeutsche Buch, dieses Leuchtfeuer im Dunkel einer gramgebeutelten Nation von Pessimisten!
--Annegret Wegener (12/2005)
|
|