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(Rokland. Reykjavík, Edda, 2005)
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Stuttgart, Klett-Cotta, 07/2006
ISBN 3-608-93766-8
479 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 24,50 [D]

AUTORENPORTRAIT
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Wenn ein Roman nicht die ihm eigentlich zustehende Aufmerksamkeit findet, gibt es dafür zwei mögliche Ursachen. Die eine, simple: Der Roman ist schlicht zum falschen Zeitpunkt erschienen. Die andere, kompliziertere: Der Autor hat sich bei den Kritikern möglicherweise unbeliebt gemacht. Für die Zurückhaltung in den Feuilletons, die ROKLAND, den dritten in deutscher Sprache erschienenen Roman, von Hallgrímur Helgason scheinbar kollektiv übersehen haben, trifft die erste mit Sicherheit zu – das Buch erschien im Juli, zu Beginn der Ferienzeit.
Es lässt sich darüber spekulieren, ob auch die zweite Möglichkeit für das Schweigen im Blätterwald zutrifft. Denn wenn man beispielsweise im Internet nach Informationen über Hallgrímur Helgason sucht, stößt man unweigerlich auf viel Gehässiges, das in jüngster Zeit (und meist anonym) über den Autor geschrieben wurde. Von einem »Schmalspur-Popliterat[en], der sich im Kopf und Kragen schreibt und vor lauter Selbstherrlichkeit sein Publikum völlig vergisst« ist da die Rede, von Geschichten, die »an der Oberfläche« tümpeln oder – nicht weniger vorwurfsvoll – von »Literatur, nicht für den Leser, sondern für die Literaturgeschichte«.
Fucking Bullshit! Hallgrímur Helgason mag kein bequemer Autor sein – aber seit wann ist Bequemlichkeit denn Voraussetzung für intellektuellen Genuss? Seh’ ich da ein Schulterzucken?
ROKLAND beginnt auch mit einem Schulterzucken. Böðvar »Böddi« Steingrímsson arbeitet als Lehrer in Sauðárkrókur, einem frostigen 2000-Seelen-Kaff im öden Nordland, mit fast so vielen Frisiersalons wie weiblichen Einwohnern. Der Winter ist gerade vorbei, und Böddi steht vor dem Schulleiter: beim Wandertag hat sich seine halbe Klasse unterkühlt. Ein Mädchen brach sich das Bein, am Ende musste der Rettungshubschrauber gerufen werden. Lokalphilosoph Böddi ist sich keiner Schuld bewusst: »Fucking bullshit! Als wenn es den Schülern nicht gut täte, das Leben einmal so kennen zu lernen, wie es früher war. Und noch immer ist. Wenn man nur endlich einmal aus dieser Fernheizungshölle ausbricht, zu der sich unsere Gesellschaft entwickelt hat!«
Der Mittdreißiger, der in Berlin Philosophie studiert hat und jetzt wieder bei seiner fernsehverblödeten Mutti wohnt, ist weder Asket noch Masochist. Aber er schätzt die Annehmlichkeiten eines Lebens ohne Schutzumschlag. Böddi hat es sich bequem gemacht in seiner Rolle des ewig unbequemen Außenseiters – er ist der Narr in Helgasons moderner Chronik. Auf seiner Internetseite unterhält er seine Schüler mit beißenden Karikaturen ortsbekannter Größen.
Das kann nicht lange gut gehen – und bald schon kommt es, wie es kommen muss: Erst fliegt er als Lehrer, dann erfährt er, dass er gerade der Tochter seines ehemaligen Rektors ein Kind gemacht hat. Dann verliert er nach dem Tod der Mutter auch noch sein Elternhaus.
Das reicht, um durchzudrehen: Böddi steigt auf sein Pferd und bricht zu einem Amokritt in die Hauptstadt auf. In Reykjavík ruft er zum allgemeinen Umsturz der Lebensverhältnisse auf, doch hinter seinem Rücken vermarktet ihn der eigene Bruder schon in den Medien …
Mit ROKLAND schließt Helgason konsequent an seine beiden vorangegangenen Romane an. Wieder benutzt er die Mittel der literarischen Gesellschaftssatire, wieder erweist er sich als Meister mit schrägen Ideen und viel Talent, diese treffend umzusetzen. Böddi, sein Don Quijote von Reykjavík, kämpft nicht gegen Windmühlen, sondern gegen die Allgegenwart des Fernsehens und die allgemeine Verflachung und Verblödung seiner Landsleute.
Hallgrímur Helgason ist nicht umsonst Islands beliebtester Autor. Denn er kennt die Sehnsüchte seiner Mitmenschen, die oberflächlichen – nach dem modernsten Handy, dem schicksten Laptop und den modischsten Klamotten – ebenso wie die existenziellen, die traditionellen Sehnsüchte nach einem heilen Familienleben, nach Ruhe und jener – im besten Sinne des Wortes – Beschaulichkeit, in der Selbsterkenntnis wächst.
Helgason beansprucht die »Freiheit des Narren« – wie einst die Schellenträger an königlichen Höfen. Wie sie spricht er unbequeme Wahrheiten aus – die keineswegs nur in Böddis Mikro-kosmos gelten. ROKLAND kommt ohne perfekten Spannungsbogen und ohne kuschelweiche Identifikationsfiguren aus. Dafür finden sich Provokationen en masse. Und dafür fängt sich der Narr (der Protagonist wie auch sein Schöpfer) die eine oder andere Kopfnuss und Maulschelle ein – damals wie heute. Und damals wie heute ist es ihm (Gott sei Dank!) egal.
Den großen Show-down inszeniert Helgason, wie er es zu seinem unverwechselbaren Marken-zeichen gemacht hat: sarkastisch, ketzerisch und voll schräger Ideen.
ROKLAND ist eine gnadenlos gute Gesellschaftssatire und so wunderbar leicht erzählt, wie es sonst kaum jemand schafft.
Literatur, die vielleicht in die (Literatur-)Geschichte eingeht – ganz sicher aber eine Geschichte für leidenschaftliche Leser!
--Axel Hallsteiner (11/2006)
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