Hallgrímur HELGASON: Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein

(Höfundur Íslands. Reykjavík, Mál og menning, 2001)
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Stuttgart, Klett-Cotta, 02/2005
ISBN 3-608-93652-1
616 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 24,50 [D]


AUTORENPORTRAIT

LESEPROBE

 

»Jeder bereitet sich seine Hölle selbst!« Das war einer der Standardkommentare meiner Urgroßmutter, meist abgegeben zum schallenden Gekeife unserer ach so respektablen, erzkatholischen Nachbarin, die – schon über siebzigjährig, scheinbar in der eigenen Galle konserviert und fernab von irgendeinem Gedanken an christliche Nächstenliebe – an allem und jedem heftig und lautstark Anstoß nahm.

In Hallgrímur Helgasons neuem Roman VOM ZWEIFELHAFTEN VERGNÜGEN, TOT ZU SEIN, findet sich Einar Grímsson in seiner selbstbereiteten Hölle wieder.
Ein Kind findet den reglosen Greis nahe dem einsamen Schafhof seines Vaters. Gastfreundschaft ist in Island heilig, daher nimmt der wortkarge Viehbauer den Findling auf.
Allmählich kommen dem Greis Erinnerungsfetzen: Ihm scheint, er kennte diese Leute, diesen armseligen Hof. »Die Umgebung«, bemerkt der Alte hellsichtig, »wirkt so unbestimmt, als habe sie ein unfertiger Schriftsteller in einem Hotelzimmer im Ausland entworfen«.
Die Gespräche klingen seltsam vertraut, oft zu intim, auch hölzern oder sogar peinlich. Erst als der Alte zu seinem Entsetzen merkt, dass er offenbar vierzig Jahre in die Vergangenheit versetzt wurde, wird ihm klar, wo er ist. Und wer er ist: der berühmteste Schriftsteller Islands. Er ist offensichtlich in einem seiner Romane aufgewacht. Der Ort, an dem er sich befindet, trägt den vielsagenden Namen Helljardalur, Höllental. Und für Einar Grímsson beginnt in der Tat seine private Hölle. Hilflos muss er mitanhören, was er sich vor vierzig Jahren als traditioneller Schriftsteller ausgedacht hat. Er bewohnt nun selbst jene Welt, in welcher der harte Boden der Poesie mit der Geduld eines Landwirts beackert wird, wo weitverzweigte Familiensagen gezüchtet und Einzelcharaktere in mühseliger Handarbeit gefertigt werden.
Einar Grímsson spielt im epischen Kosmos der Dorfwelt – die sich um Kuckuckskinder britischer Soldaten, Missbrauchserlebnisse, erschossene Deckhengste oder vom Automechaniker durchgeführte Abtreibungen dreht – die Doppelrolle des Beobachters und Schöpfers. Besonders für Eivís, die junge Tochter des Hauses, und ihren Vater Hrólfur entwickelt er einfühlsamstes Verständnis. Kein Wunder, denn schließlich befindet er sich im prallen Schlüsselroman seines eigenen Lebens und hat in jedem Detail einen biographischen Einsatz hinterlegt: Die schroffe Physiognomie des Bauern stammt ursprünglich von einem New Yorker Obdachlosen, und der Nagel im Gebälk des Schornsteinhauses gehört eigentlich in ein Hotelzimmer in Amalfi.
Die Zeitreise zwingt Grímsson, sein Leben von Grund auf zu überdenken – seine Verehrung Stalins, seine Feigheit, seine egoistischen Eitelkeiten, sein jährliches Warten auf den Nobelpreis, seine Unfähigkeit zur Liebe.
Sie unterwirft ihn auch einem unerwarteten Wandel: er wird mit jeder Seite jünger wird und erlangt am Ende sogar seine Manneskraft wieder.

Wie Helgasons Protagonist wandelt sich auch der Stil seiner Erzählung. Der kauzige Tonfall verschwindet allmählich und weicht einem zeitgemäßen Stil. Gegen Ende wandelt er sich zu grandioser, temporeicher Ironie.
VOM ZWEIFELHAFTEN VERGNÜGEN, TOT ZU SEIN ist Helgasons Tribut an und Abrechnung mit Halldor Kiljan Laxness, Islands einzigem Nobelpreisträger. Ihn, den literarischem Übervater, zitiert und persifliert er durch seinen Protagonisten Einar Grímsson. Dessen unwilliger Gastgeber wiederum, der grobschlächtige und starrsinnige Einödbauer Hrólfur, verkörpert die ganze Zwiespältigkeit des Kleinbauerntums, das Laxness mit dem Roman SEIN EIGENER HERR verewigte.
Aber Helgason greift am Ende auch auf sein eigenes Werk zurück: Sein alter Großstadtfreak aus 101 REYKJAVÍK taucht als Karikatur – »mit Kaugummi im Maul, Klapperschlangenmusik in den Ohren, Pornofilmen vor den Augen, Wunderdrogen in den Adern und einem idiotischen Grinsen auf den Lippen« – wieder auf.

VOM ZWEIFELHAFTEN VERGNÜGEN, TOT ZU SEIN ist eine pfiffige Fabel, ein hübsch bösartiges Buch, in dem ein ganzes Jahrhundert wie in einem bunten Kaleidoskop verwirbelt wird. Ein Buch, das zu Recht hoch gelobt und ausgezeichnet wurde. Die Übersetzung wurde qualitativ ebenso hoch eingeschätzt: Karl-Ludwig Wetzig wurde mit dem Preis der Dialog-Werkstatt Zug ausgezeichnet – und hat ihn fraglos verdient.
Hallgrímur Helgason treibt ein fulminant-skurriles Spiel mit Dichtung und Wahrheit und beschert uns damit äußerst unterhaltsame, intelligente Lektüre. Sehr empfehlenswert!

--Maran Alsdorf (04/2005)