|
Böhmen 1572. In einem halb verfallenen Kloster wird der achtjährige Andrej Zeuge eines schrecklichen Blutbads: Zehn Menschen, darunter Andrejs Eltern, werden von einem rasenden Mönch brutal ermordet. Eine der Frauen bringt sterbend ein Kind zur Welt. Der Prior befiehlt, auch den Säugling zu töten – denn es gilt, alle Spuren zu verwischen, die irgendjemanden in das abgelegene Kloster führen könnten.
Andrej kann fliehen und nimmt eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Kirche mit sich, das die verschwiegene Gemeinschaft der sieben schwarzen Mönche um jeden Preis zu schützen geschworen hat: In dem Kloster wird ein Buch versteckt, das drei Päpsten das Leben kosten und die Macht haben soll, das Ende der Welt einzuläuten – der Codex Gigas, die Teufelsbibel, ein Kompendium des Bösen.
Doch das Wissen um das Buch des Teufels ist das einzige Erbe, das Andrej von seinem Vater geblieben ist ...
Ganz so dramatisch wie Richard Dübells Roman ist die Legende nicht, die sich um die Entstehung des Codex Gigas rankt: Ein Mönch, der gegen die Disziplin seines Ordens verstoßen hatte, sollte zur Strafe lebendig eingemauert werden. Um dies abzuwenden, bot der Verurteilte an, in einer einzigen Nacht das Wissen der ganzen Welt aufzuschreiben, zum Lobpreis seiner Abtei. Als der Delinquent um Mitternacht realisierte, dass er dies niemals schaffen würde, bat er den Teufel um Hilfe. Der willigte ein und forderte als Lohn für sein Werk die Seele des Mönchs. Der Teufelspakt war besiegelt, das Buch über Nacht vollendet – und der Mönch zeichnete zum Dank ein Porträt des Beelzebub in das Buch hinein.
Ist die Legende nichts als ein Märchen, so sind der im frühen 13. Jahrhundert im Benediktiner-kloster von Podlažice in Böhmen entstandene Codex und das Teufelsbild Realität. 75 Kilogramm wiegen die 312 Pergamentblätter, 160 kostbare Kälberhäute mussten dafür getrocknet und aufwendig bearbeitet werden, um sie zum teuersten und haltbarsten Beschreibstoff der Welt werden zu lassen – in einer Zeit, in der die Klöster die alleinigen Horte des Wissens waren, in denen Mönche die Schriften studierten und das alte Wissen abschrieben, das sie der Mit- und Nachwelt zur Verfügung stellen wollten. Das riesige Buch, denn nichts anderes bedeutet Codex Gigas, sucht noch heute seinesgleichen: 89,5 Zentimeter hoch, 49 Zentimeter breit und 22 Zentimeter dick ist es, gefasst in hölzerne Buchdeckel. Jeder Buchstabe ist mit Federkiel und Rußtinte bei schummrigem Licht auf getrocknete Tierhäute gezeichnet worden.
Vierzehn lateinische Texte, neben dem gesamten Alten und Neuen Testament die berühmte Schrift »Etymologiae« Isidors von Sevilla, die »Antiquitates Judaica« von Flavius Josephus und die »Chronica Boemorum« des Cosmas von Prag finden sich im Codex.
Viele alte Handschriften reihen mehrere Texte aneinander, die gemeinsam zu einem Buch gebunden werden. Aber nur selten wirken die Handschriften wie aus einem Guss. Genau das ist einer der Gründe, warum der Codex Gigas auch »Teufelsbibel« heißt. Seite für Seite ist kunstvoll gestaltet – und doch zeigt das einheitliche Schriftbild, dass eine einzige Hand jeden Buchstaben geschrieben haben muss. Noch erstaunlicher: Obwohl der Schreiber realistisch geschätzt viele Jahre gebraucht haben muss, in denen die Produktionsbedingungen seine körperlichen Fähigkeiten von der Feinmotorik bis zur Sehkraft geschwächt haben müssen, ist kein Zeichen nachlassender Sorgfalt zu erkennen. Die einzige Erklärung, die den Menschen im Mittelalter plausibel erschien: Das musste in einer Nacht geschrieben worden sein!
Und dann doch das Teufelsbild! Einen halben Meter hoch ist der gezeichnete Satan auf Seite 290 des Codex. Mehrere Seiten davor sind geschwärzt und heben sich so deutlich ab von den übrigen Seiten des Mammutwerks. Es ist nicht die einzige kaum erklärbare Besonderheit. Verwunderlich ist auch, dass acht Blätter entfernt wurden. Wer dies gemacht hat und aus welchem Grund, bleibt wohl für immer im Dunkeln – und gibt Anlass zu vielfältigen Spekulationen, wie jenen, von denen Richard Dübells Roman lebt. Was stand auf den geschwärzten – oder wahrscheinlich noch prekärer – auf den entfernten Seiten? Waren es Prophezeiungen? Schrieb der Mönch Anweisungen nieder, die der Satan ihm diktierte? Rezepte gar, durch welche jenen, die sie befolgten, die Herrschaft über die Welt zufiele?
So musste es wohl zwei Parteien geben, die um den Besitz der Teufelbibel rangen – die eine um sie zu erlangen und zu benutzen, die andere, um die Welt vor der in ihr lauernden Gefahr zu beschützen.
Aus dem legendären Hintergrund, historischen Fakten und wohldurchdachter Fiktion entstand ein spannend zu lesender und fesselnder historischer Thriller, der seine Leser in das Mittel-europa am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges führt.
Nach dem Massaker an seinen Eltern schlägt sich Andrej allein in Prag durch. Im gleichen Jahr, 1527, bringt ein Wiener Kaufmann von einer Geschäftsreise nach Prag ein neugeborenes Mädchen mit in seinen kinderlosen Haushalt. Er und seine Frau nehmen Agnes als ihre Tochter an. Beinah zwanzig Jahre später verliebt dieses Mädchen sich in den Nachbarssohn Cyprian, den Neffen eines Wiener Bischofs. Um eine Heirat zu verhindern, verlobt der Vater Agnes mit dem Sohn eines anderen Kaufmanns und reist mit Familie und Schwiegerfamilie in spe ins Handels-haus in Prag. Auch Cyprian verschlägt es im Auftrag seines Onkels dorthin und nach und nach schließen sich, zum Teil sehr tragisch, alle Kreise.
Soweit zum Inhalt des Romans, der schlüssig und spannend, aber auch sehr viel komplexer erzählt ist, als ich es hier wiedergeben könnte, ohne zu viel zu verraten. Richard Dübell zeichnet darin herrliche Bilder und bestrickt sein Publikum mit fantasievollen Beschreibungen der inneren Befindlichkeiten seiner Protagonisten.
An wenigen Stellen tritt eine Erzählerstimme auf sehr gelungene Art in den Vordergrund und macht die Zeitlosigkeit mancher Handlungsmotive deutlich. Denn obwohl die Teufelsbibel viel Bosheit hervorbringt, gibt es in ihrem direkten Umfeld keinen echten Bösewicht. Jeder handelt in der besten Absicht – was das eigentlich Erschreckende ist. Es scheint, als bediene sich der Teufel selbst mannigfaltiger Werkzeuge: Kirchenmänner wollen die Teufelsbibel besitzen, um sie zu vernichten und so den Glauben zu bewahren. Wissenschaftler wie Andrejs Vater dagegen meinen, in dem Buch stecke die Weisheit der Welt und man könne sie benutzen. Im endlosen Widerstreit zwischen Credo und Ratio, Glauben und Wissen, scheint die Teufelsbibel den Menschen nur Böses zu bringen, weil sie jede Partei dazu verleitet, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen.
Romane wie diesen, dessen Geschichte so zeitlos gültig erscheint, gibt es nur selten. Und so erstklassig geschriebene wie DIE TEUFELSBIBEL sind leider noch rarer.
Deshalb sollte man sich dieses Buch keinesfalls entgehen lassen!
--Doris Kratz (02/2008)
|
|
PS:
|
Verboten war der Codex Gigas, dessen Aufzeichnungen 1229 enden, trotz seiner düsteren Entstehungslegende niemals. Viele junge Mönche studierten in ihm die Heilige Schrift. Er wurde 1245 in das Zisterzienserkloster Sedletz verbracht und 1477 in das Benediktiner-kloster in Brevnov, wo er bis 1593 in der Klosterbibliothek aufbewahrt wurde. Danach wurde er der Prager Sammlung des Kaisers Rudolf II eingefügt.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde die ganze Sammlung als Beute von der schwedischen Armee beschlagnahmt. Seit 1649 wird das Manuskript in der KUNGLIGA BIBLIOTEKET in Stockholm aufbewahrt.
In Prag zeigte die Galerie Klementinum vom 26. September 2007 bis zum 6. Januar 2008 den Codex Gigas, aufgeschlagen in einer Glasvitrine. Inzwischen ist der Codex endgültig in die KUNGLIGA BIBLIOTEKET, die Schwedische Nationalbibliothek zurückgekehrt. Um ihn vor dem Verfall durch Licht- und Lufteinflüsse zu schützen, darf er nicht mehr öffentlich ausgestellt werden.
Wer mehr über das Buch, seine Geschichte und seinen Inhalt erfahren möchte, kann auf der mehrsprachig gestalteten Homepage der Bibliothek virtuell darin blättern, und zwar unter www.kb.se/codex-gigas.
D.K.
|
| |