Die Literaturzirkel-Anthologie:
Short-Story von Thorsten Miller
»EQ-Test«

»Nein! Nein! Nein! Nein! Und noch mal Nein!«

Professor Kitzingers Stimme war am Überkippen. Er rang sichtlich um Fassung und holte tief Luft. Es folgte ein langsames Ausatmen, begleitet von einer resignierenden Geste in meine Richtung. Er setzte neu an:
»Sie haben die Sache offensichtlich immer noch nicht erfasst. Wir wollen ja gerade keinen Turing-Test machen. Der dient nur zur Fassade, zur Ablenkung. Ich dachte, das hätte ich Ihnen klar gemacht.«

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, begann Kitzinger zu dozieren. Geduldig nahm ich wieder Platz. Kitzinger gehörte zu den Leuten, die ihren Text abspulen mussten, bevor sie auf neue Situationen reagieren konnten. Selbst wenn ich ihn jetzt unterbräche, um meinen Standpunkt darzulegen, würde er an der gleichen Stelle weitermachen, an der die Störung erfolgte. Also ergab ich mich in mein Schicksal und hörte ich mir seinen Sermon erneut an.

»Der klassische Turing-Test zur Feststellung von künstlicher Intelligenz verläuft seit Jahrzehnten gleich und immer gleich erfolglos. Spätestens nach zehn Minuten wissen selbst die Dümmsten, dass sie einer Maschine gegenübersitzen. Genau da setzt ja mein Programm an. Ich habe das Pferd von hinten aufgezäumt. Wenn man davon ausgeht, dass sich menschliche Wesen durch ihre Phantasie, ihre Seele oder eben ihre Emotionen von Maschinen unterscheiden, dann muss es möglich sein, über den ›Emotional Quotient‹ verlässlich die Menschen zu ermitteln. Also ein Negativ-Beweis. Was übrig bleibt, muss eine Maschine sein.«

Kitzinger blickte mich mit gefurchter Stirn und verkniffenem Mund an. Momentan war er mit mir, seinem wissenschaftlichen Assistenten, offensichtlich gar nicht zufrieden.

»Darum geht es ja auch gar nicht. Ich habe den Versuchsaufbau genau so gemacht, wie wir das die letzte Woche besprochen haben. Ich wollte ihnen nur ein Ergebnis vorlegen, dass unsere Erfolgsquote über den Haufen wirft. Ich ...«

Kitzinger unterbrach mich ungehalten:
»Lassen Sie uns den Testaufbau noch mal rekapitulieren. Checkliste!«

Na also. Offensichtlich war ich durchgedrungen und er hielt mich, zumindest vorerst, nicht mehr für einen völligen Idioten. Wir gingen die Liste durch:

»30 Testpersonen?«
»Ja.«
»30 KIs?«
»Ja.«
»Absolut gleiche Voraussetzungen für alle 60 Kabinen?«
»Ja.«
»Unser ›Baby‹ war an alle 60 Schnittstellen angeschlossen?«
»Ja.«
»Die Startfrage war für alle gleich?«
»Ja.«
»Wer wusste über die Anordnung der Testgruppen Bescheid?«
»Nur ich und Doktor Müller, wie immer.«
»Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
»Hmm. Ja, ich denke, dass man das Fehlen von zwei Testpersonen durchaus so nennen könnte.«
»Aber Sie haben gesagt, alle 30 wären da gewesen?«
»Ich habe zwei Ersatzleute aus unserem Hilfsteam bestimmt, die die freien Plätze eingenommen haben.«
»Ach so. Aber warum dann ›besondere Vorkommnisse‹? Glauben Sie, unsere Mitarbeiter würden die Ergebnisse verfälschen? Wo haben Sie die zwei platziert?«
»In einer Mensch-Mensch-Gruppe natürlich.«
»Wunderbar, was ist also schief gelaufen?«

Kitzinger schaute mich jetzt mit echtem Interesse an. Die ausgeklügelte Testsituation hatten wir in monatelanger Arbeit entworfen und immer weiter verfeinert. Wir hatten insgesamt 60 Kabinen mit 60 Terminals. Die Kabinen waren an den zwei Längsseiten der großen Schwimmhalle aufgebaut, die schon seit Jahren aus Kostengründen nicht mehr benutzt wurde. Jede Kabine enthielt einen kompletten Arbeitsplatz mit Kommunikationsanschluss. In 30 Kabinen setzten wir Menschen, die anderen 30 enthielten Rechner mit hochentwickelten KI-Programmen, die von Assistenten gestartet wurden. Ganz wichtig war, dass die Computer nicht untereinander vernetzt waren. Mittels eines Zufallsgenerators wurden nun 30 Gruppen gebildet, die so aufgeteilt waren, dass 10 Menschen mit 10 Maschinen verbunden wurden und zwei Kontrollgruppen übrig blieben, wo jeweils Menschen mit Menschen und KIs mit KIs gekoppelt waren.
Nach dem Startsignal sollten die ›Testpersonen‹ nun anhand einer komplexen Eingangsfrage über ihre Terminals miteinander kommunizieren und diskutieren. Sobald einer der Probanden zu einem sicheren Ergebnis gelangt war, ob er mit einer Maschine oder einem Menschen verbunden war, endete die Sitzung. Normalerweise konnten wir nach einer Viertelstunde mit einer neuen Runde beginnen, denn spätestens dann waren alle Sitzungen geschlossen. Die Ergebnisse lagen normalerweise bei über 90 Prozent. Nur der eine oder andere Witzbold verfälschte manchmal absichtlich die Statistik.
Der Unterschied zu den ›normalen‹ Turing-Tests war jedoch, dass uns die Ergebnisse der Sitzungen gar nicht interessierten. Wir beobachteten mittels eines von Kitzinger entworfenen Programms den Datenfluss zwischen den 60 PCs und überließen es diesem Programm, anhand des ermittelten EQ die Menschen von den Computern zu scheiden. Unser ›Baby‹ war dabei seit einiger Zeit absolut perfekt gewesen. Konkurrenzlose einhundert Prozent Erfolgsquote!
Bis heute!

»Ich habe Frau Mertens und Rudi Markwart ausgesucht und sie mit den Nummern 5 und 6 als Team 3 eingeteilt.«
»Ja und weiter.«

Kitzinger wurde langsam ungeduldig.

»Als die Auswertungen eintrafen, habe ich die beiden getrennt und noch drei weitere Durchgänge gestartet. Alle mit dem gleichen Ergebnis.«
»Langsam gehen Sie mir auf die Nerven. Jetzt spucken Sie's schon aus.«

Wortlos reichte ich Kitzinger die Auswertungstabellen. Die Ergebnisse, auf die es ankam, hatte ich rot markiert, so dass sie sofort ins Auge fielen. Nach wenigen Augenblicken erbleichte Kitzinger und sah mich mit offensichtlicher Verblüffung an.

»Und das sind wirklich die Auswertungen vom heutigen Test? Das ist doch unmöglich! Das wäre ja ein totaler Versager von ›Baby‹ - der erste in dieser Form überhaupt.«
»Ich habe alle Werte mehrfach nachrechnen lassen. Selbst ein Systemneustart hat keine anderen Ergebnisse gebracht. Und außerdem habe ich mir auch die Turing-Daten angesehen - die besagen erstaunlicherweise das gleiche.«

Kitzingers Blick wurde plötzlich starr. Er öffnete den Mund und wollte offenbar etwas zu jemand neben mir sagen, brachte aber nur ein Röcheln zustande. Als ich mich halb umdrehte, sah ich Markwart, den wir immer »Rudi Ratlos« nannten, hinter mir im Türrahmen stehen.

»Äh, hallo Rudi, hab' Dich gar nicht kommen gehört. Stehst Du schon länger da?«

Wortlos nickend ging Markwart an mir vorbei und nahm Kitzinger die Listen aus der schlaff gewordenen Hand. Der Kopf des Professors lehnte an der Wand und seine offenen Augen starrten ins Nichts. Ein dünner Blutfaden lief aus seinem linken Mundwinkel und tropfte auf den weißen Kittel. Schlagartig wurde mir bewusst, dass Kitzinger tot war.

»Aber ... aber ... warum?«

Ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und nicht in der Lage, irgendwie zu reagieren. Entsetzt starrte ich auf Markwarts Gesicht. An der Stelle seines rechten Auges glimmte ein rotes Licht, wie von einer Leuchtdiode oder von einem dieser Ziellaser, die man so oft im Kino sieht.
Immer noch wortlos und ohne mich aus seinem Blickfeld zu lassen, zeigte mir Rudi die Blätter.
Mit dickem Rotstift war »Babys« Analyse unterstrichen:
 

TEAM 3 // NUMMER 5: LEBT / NUMMER 6: EQ = 0

© 2004 by Thorsten Miller

Mailen Sie uns bitte Ihre Beurteilung dieser Kurzgeschichte!