Dirk C. FLECK: Das Tahiti-Projekt

ORIGINALAUSGABE
Zürich, Pendo, 02/2008
ISBN 978-3-86612-155-3
344 Seiten, gebunden mit Karten auf Vor- und Nachsatz
und Schutzumschlag, Euro 19,90 [D]


AUTORENPORTRAIT
 

Ja, da sind wir wirklich überrascht!
Dirk C. Flecks neuester Roman DAS TAHITI PROJEKT startet im Jahr 2022 mit den Erlebnissen des Journalisten Maximilian Cording, der in Kalifornien über die Abholzung der letzten Redwood-Wälder berichtet. Cording arbeitet für das Medienimperium »Emergency!«, das zwar einerseits über die schlimmsten Probleme der in den Abgrund taumelnden Zivilisation berichtet, andererseits aber den (diese Probleme verursachenden) Industriekonzernen breitesten Raum für Eigenlob und -werbung einräumt. Während die meisten Mitarbeiter von Emergency! abgestumpfte und teilnahmslose Rädchen im Getriebe sind, versucht Cording, seinen Idealismus über die immer größer werdenden Wellen von Verzweiflung zu retten. Da erscheint ihm die Abordnung zu einer Pressekonferenz nach Tahiti wie eine willkommene Auszeit.
Und an dieser Stelle beginnt die Überraschung. Während DAS TAHITI PROJEKT in seinen Anfangskapiteln mit einer düsteren Beschreibung der Zukunft als Erfüllung unserer schwärzesten Befürchtungen daherkommt, beginnt das Buch mit Cordings Eintreffen in Polynesien sich zu einer veritablen Utopie auszuwachsen.
Omai, ein charismatischer und gebildeter junger Präsident, hat im Jahr 2013 die Unabhängigkeit Polynesiens von Frankreich erreicht, indem er auf Entschädigungsansprüche gegen den französischen Staat verzichtete und gleichzeitig EU-Gelder für ein »Tahiti-Projekt« locker machte, das es ihm ermöglichte, die Inselgruppe vermittels alternativer Technologien und eigener Anstrengungen ins dritte Jahrtausend zu holen.
Die Verbindung aus modernster Umwelttechnik und Rückbesinnung auf das Naturverständnis der einheimischen Bevölkerung (aus der Zeit vor der »Entdeckung« durch die westliche Zivilisation) zeigt überraschend positive Ergebnisse. Die eingeladenen Journalisten aus aller Welt sollen auf Tahiti die Möglichkeiten dieser zugleich regenerativen Technologien in ihrer Verbindung mit einem ganz »unwestlichen« Politikverständnis entdecken und der Welt-öffentlichkeit vorstellen.
Noch während dieser Recherchen gerät das bis dahin im paradiesischen Abseits des Pazifiks gelegene Tahiti in den Mittelpunkt stärkster wirtschaftlicher Interessen. Da nur noch dort größere Mengen eines für die Weltwirtschaft wichtigen Metalls vorkommen, beginnt eine von langer Hand geplante Aktion anzulaufen, die dazu dient, das unabhängige Polynesien wieder in die Einflusssphäre des Westens (bzw. eines multinationalen Konzerns) zu bringen. Die Kriegsflotte der USA nimmt Kurs auf Tahiti …
Doch Cording (und einige seiner Kollegen) sind nicht nur den Reizen der Südsee erlegen, sondern haben sich auch von den optimistischen Vorstellungen Omais und seiner Mitstreiter überzeugen lassen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.
Gelingt es Präsident Omai nicht, auf der UN-Vollversammlung die Nationen der Welt zu überzeugen, gilt das Tahiti-Projekt als gescheitert und das letzte Paradies der Erde droht unterzugehen – und mit ihm die letzte Chance der Menschheit. Unterstützt von Cording, der es durch einen geschickten Schachzug erreicht, das »Emergency!«-Netzwerk auf seine Seite zu ziehen, und einer Handvoll engagierter Menschen, die an Omai und seine Vision glauben, hält dieser eine historische Rede, von der hier ein kleiner Auszug wiedergegeben sei:

»Wenn wir es nicht schaffen, unsere Gemeinden und Regionen autark zu machen, bauen wir auf dem Weg in eine bessere Welt nur Luftschlösser. Das Zauberwort für die Zukunft heißt Dezentralisierung. Wir müssen weg von den seelenlosen, aufgeblähten Staatsgebilden. Das Wissen der Ureinwohner ist die wichtigste Ressource der Menschheit. Nur wenn es gelingt, dieses Wissen mit der modernsten umweltschonenden Technik in Verbindung zu bringen, haben wir noch eine Chance, die fürchterlichen Entwicklungen umzukehren, die unseren göttlichen Lebensraum Erde in einen verrottenden Industrie- und Verkehrspark verwandelt haben. Die Zivilisation ist mit ihrem Latein am Ende. Sie gleicht einem Schiff, das ohne Kenntnis der Naturgesetze gebaut wurde und nun orientierungslos dahinschlingert. Es fehlt ihr an spiritueller Verbundenheit, mit deren Hilfe sie bewusst einen Kurs hätte wählen können, der eben nicht in die Katastrophe mündet.« (S. 318)

Mit diesen Worten bietet Omai die beim Tahiti-Projekt gemachten Erfahrungen und Lösungs-ansätze der ganzen Menschheit an.
Dem Buch beigegeben ist ein Glossar, in dem die wichtigsten der vorkommenden Techniken erklärt werden. Besonders erstaunlich ist dabei, dass vieles, was zuerst als »science fiction« anmutet, heute bereits existiert oder zumindest in der Entwicklung ist. Wie Fleck in seinem Nachwort beschreibt, beruht der Roman auf ausgiebigen Recherchen vor Ort und den Ideen, die Eric Bihl und Volker Freystedt in ihrem Sachbuch »Equilibrismus. Neue Konzepte statt Reformen für eine Welt im Gleichgewicht« (2005) entwickelten. Zu den Unterstützern dieser Ideen gehörte unter anderem Sir Peter Ustinov, von dem auch die Anregung kam, diese in Romanform aufzubereiten. Auch wenn sich Utopien und selbst utopische Denkansätze nicht verwirklichen lassen, so sind sie doch dringend nötig. Gerade in einer Zeit, die sich so viel auf ihren Sinn für Realitäten zugute hält, tut es unendlich gut, einmal wenigstens wieder etwas mehr als nur einen Lichtschimmer am Ende des Tunnels gezeigt zu bekommen. DAS TAHITI PROJEKT leuchtet in den kräftigen bunten Bildern, die der Name Tahiti immer noch hervorzurufen vermag – und solange man diese Bilder sieht, mag man die Hoffnung nicht aufgeben.
DAS TAHITI PROJEKT ist ein überraschendes Buch vor allem, weil es so positiv daherkommt und man seinem Autor dennoch keineswegs »Blauäugigkeit« oder »Naivität« unterstellen kann. Mehr solche Bücher, mehr, mehr, mehr!

--Horst Illmer (04/2008)